Freitag

„Nebraska“ ~ Sie haben gewonnen…

und zwar eine Million Dollar! Der Gewinn ist Ihnen so gut wie sicher, sie müssen sich nur bei uns melden mit dem Gewinnschein.

Wer ist nicht schon mal für einen kurzen Moment auf so einen Werbetrick hereingefallen, hat sich gedacht, ui, jetzt hat doch tatsächlich die Glücksgöttin zugeschlagen, ich bin gemeint. Na ja, bis dann das Kleingedruckte reinen Wein einschenkte.

Aber es gibt sie, so Menschen, die das wirklich glauben, meistens ältere, die sich weder von Sohn noch Tochter davon abhalten lassen den vermeint-lichen Gewinn einzufordern, zusammen mit einer kleinen Bestellung oder einem Zeitungsabonnement, auch wenn dies angeblich nicht obligatorisch wäre. Die Ernüchterung folgt dann erst später-;)

(Bilder können durch Anklicken vergrößert werden)

Im Film „Nebraska“, den ich kürzlich auf DVD gesehen habe, ist so ein Gewinnschein für eine Million Dollar das Thema. Der Film hat mich irgendwie gepackt und berührt. 

Skurril, traurig, mit Humor, ernüchternd, peinlich, beinahe hoffnungslos (schwarz/weiß), manchmal überzeichnet und doch … müssen nicht viele Menschen am Ende ihres Lebens von sich sagen, war es das jetzt, mein Leben?

Im Film lässt sich ein alter Mann weder von der Ehefrau noch von den Söhnen davon abhalten, den angeblichen Millionengewinn einzufordern, und zwar persönlich, weil er der Post nicht traut und zu Fuß, weil ihn niemand dahin fahren will.

Immer wieder wird er entweder von der Polizei oder von Autofahrern, die ihn auf dem Highway zu Fuß antreffen, aufgegriffen. Die total entnervte Ehefrau muss dann den jüngeren Sohn, der in der Nähe lebt, mitten von der Arbeit wegrufen um den Vater irgendwo abzuholen. 


Der ältere Sohn und die Mutter sind sich einig, der Vater, ein Alkoholiker mit beginnender Demenz muss in ein Pflegeheim, so kann es nicht weitergehen. 

Der jüngere Sohn zögert. Einige Tage später holt er den Vater ab um mit ihm ein paar Tage zu verreisen (am Arbeitsplatz lässt er sich krankschreiben). Er will mit seinem Vater nach Nebraska fahren, um diesem zu ermöglichen den Gewinnschein persönlich im Geschäft abzugeben.

David, der jüngere Sohn ist ein gutmütiger Mensch, in einer Kritik habe ich gelesen, er wäre zu gut um wahr zu sein. Kann sein, doch mir hat es gefallen, wie er gehandelt hat. Er hat den Kreislauf von Gleichgültigkeit und Lieblosig-keit durchbrochen. Er hat seinem alten, etwas senilen Vater Güte gegeben, obwohl er in seiner Jugendzeit kaum Aufmerksamkeit und Unterstützung von ihm erhalten hatte.


Die Fahrt von Montana nach Nebraska ist auch eine Fahrt in die Vergangenheit, denn die Vorsehung will es, dass die beiden im Dorf, wo der Vater aufgewachsen ist Halt machen müssen. 

Dieser Umstand öffnet David die Augen über seinen Vater. Er erfährt einiges über dessen Geschichte, auch wie dieser als Kind wegen nichtigem Anlass geschlagen wurde, wie es möglich war, dass sein Herz versteinerte und er zum Säufer abdriftete.

Hier im Dorf seiner Jugendzeit glauben die Einwohner und Verwandten dem Vater, dass er eine Million Dollar gewonnen hat. Seine beginnende Demenz nehmen sie nicht wahr.  Sie verdächtigen eher den Sohn, den Gewinn ver-heimlichen zu wollen. 

Es kommt so weit, dass einige dem Vater aufrechnen, was er dem einen oder anderen noch schulde, und sie deshalb Anrecht auf einen Anteil seines Millionengewinnes hätten. 

Irgendwann klauen sie ihm sogar den Gewinnschein, und finden so heraus, dass es nur ein Werbetrick ist. Im Wirtshaus kugeln sie sich vor Spott und lachen hämisch über den alten Mann.

Die Rettung kommt in Person der Ehefrau, die sich zusammen mit dem älteren Sohn zu einem Verwandten-Treffen im Dorf eingefunden hat. Sie ist eine Frau mit Haaren auf den Zähnen, bissig, nimmt kein Blatt vor den Mund, teilt verbale Schläge aus. 


Zu guter letzt treffen Vater und David endlich in Nebraska ein, der Vater gibt den Gewinnschein der Sekretärin im Büro der Firma ab. Die tippt die Nummer des Gewinnscheines in den Computer und … ist ja klar, diese ist nicht unter den Gewinnnummern.

Hin und wieder komme es vor, dass ältere Menschen den Gewinnschein persönlich vorbeibringen, beantwortet die Sekretärin die Frage des Sohnes, und will wissen ob der Vater an Alzheimer leide. Er glaube nur alles was man ihm erzähle, verneint der Sohn. 

Die Sekretärin gibt dem Vater ein Werbegeschenk, eine Mütze auf der steht: Preisgewinner.


Und dann, der überraschende Schluss des Film:
Auf die Frage was der Vater mit der Million machen wolle, antwortete er immer, er würde sich einen  Truck und einen Kompressor kaufen. 

Als die beiden, Vater und Sohn auf der Heimfahrt von Nebraska sind, stoppt David an einer Autowerkstätte, verkauft dort seinen Wagen und ersteht einen Truck für seinen Vater, ebenso einen Kompressor. Dem erstaunten Vater erklärt er, der Kompressor und der Truck gehören jetzt ihm, letzterer sei auf seinen Namen eingetragen, doch fahren dürfe er ihn nicht. 

Einer geraden Strasse entlang mit wenig Verkehr lässt David den Vater den Truck dann doch fahren,  und zwar durch das Dorf seiner Jugendzeit, stolz mit der Preisgewinner-Mütze auf dem Kopf  vorbei an einigen ver-wundert staunenden Dörflern.

Filmdaten:
USA 2013
Regie: Alexande Payne
Buch: Bob Nelson
Darsteller: Bruce Dern, Will Forte, June Squibb, Stacy Keach, Bob Odenkirk
Länge: 115 Minuten
Start: 16. Januar 2014


Der Film bekam im Allgemeinen gute Kritiken. Der 77-jährige Schau-spieler, Bruce Dern↓ sagt im „Bonus“ auf der DVD, es sei die beste Rolle seines Lebens. Er bekam am Filmfestival in Cannes den Preis als bester Hauptdarsteller und der Film war nominiert für verschiedene Oscars.

Es gibt auch negative Bewertungen, diese Kritiker können nicht ver-stehen, dass der Film so gut aufgenommen wurde. Sie finden die Bewohner der ländlichen Provinz in Nebraska wurden mit Herablassung schlecht gemacht.

Mir hat der Film aus den weiter oben genannten Gründen gefallen, ich finde, die Geschichte hätte sich auch anderswo abspielen können, nicht nur in Nebraska in Amerika. Auch in Europa, auch in der Schweiz. 

Es ist für mich klar, dass die dargestellten Charaktere nur ein Ausschnitt aus einer vielschichtigen Gesellschaft zeigen, und es keine Verallgemeinerung ist.
Liebe Grüsse aus dem
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