Sonntag

Die Regenbogengöttin und das tragische Leben einer jungen Frau

Am letzten Sonntag vor einer Woche besuchte ich wieder einmal meinen Lieblingspark, und wurde mit der Blüte von Hunderten Irisblumen überrascht. Dank der kühlen Witterung war ich in diesem Jahr nicht zu spät um dieses Farbenschauspiel der Natur in voller Pracht zu erleben.


Der Irisgarten im Belvoirpark ist nicht wissenschaftlich systematisch aufgebaut, sondern will mit seiner Form- und Farbenpracht die Besucherinnen und Besucher erfreuen. Über 120 Sorten sind hier vertreten. Ihre Blütezeit reicht vom März bis Juli. 


Die Regenbogengöttin


Das Wort Iris stammt aus dem Griechischen und bedeutet Regenbogen, und die Iris, als  eine Göttin der griechischen Mythologie, ist die Personifi-kation des Regenbogens. 


Und tatsächlich überrascht die Irisblume mit ihren umfangreichen Arten und schillernden Farben. Namen wie – Nachtfalter - Honey Clitter - Olympic Torch - Lemon Mist - Peach Frost - Windsor Rose – Mystic - Tropical Night, und viele mehr, zeugen von der Vielfältigkeit ihrer Erscheinung.


Wegbeschrieb zum Belvoirpark:
Seestrasse, Alfred-Escher-Strasse, Mythenquai
Tram 7 bis Museum Rietberg oder Brunaustrasse
Bus 161, 165 bis Sukkulenten-Sammlung



Denn dass der Mensch erlöst werde von der Rache:
das ist mir die Brücke zur höchsten Hoffnung
und ein Regenbogen nach langen Unwettern. 
Friedrich Nietzsche
Werke II - Also sprach Zarathustra 


Schon lange wollte ich mich einmal über den Hintergrund meines Lieblingsparks kundig machen, dabei bin ich auf eine Skandalgeschichte gestoßen, die damals Ende des 19. Jahrhunderts Stadt und Land aufwühlten.

Hauptakteure sind eine emanzipierte junge Frau aus einem großbür-gerlichen Haus, Millionenerbin, ein trister Alltag mit einem machthungrigen Ehemann und ein genialer, gut aussehender Künstler. Und es kam, wie es kommen musste, Frau und Künstler erkennen sich als Seelenverwandte, verlieben und lieben sich. 


Die Frau will die Scheidung und setzt sich mit ihrem Geliebten nach Rom ab. Da werden Ehemann und Schwiegervater (der damals ein mächtiger Politiker war) aktiv. Beziehungen spielen und die junge Frau landet als angeblich Verrückte im dortigen Irrenhaus. 

Lediglich gestützt auf einen minutenschnellen Augenschein stellt der vom mächtigen Politiker beauftragte Direktor eines Römer Irrenhauses die Diagnose auf «follia sistematizzata» – systematisierter Wahnsinn.


(Die Bilder können durch Anklicken vergrößert werden.)


Der Geliebte wird aufgrund falscher Beschuldigungen des Ehemannes und dessen Vaters, verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Die Vorwürfe erwiesen sich schlussendlich als unhaltbar und auch die junge Frau kann nach vier Monaten das Römer Irrenhaus verlassen. 

Doch die beiden finden nicht mehr zueinander, die Frau bricht den Kontakt zum Geliebten vollständig ab. 


Sie wird von ihrem Gatten in die Schweiz zurückgebracht und stimmte dessen Scheidungsbegehren und einer finanziellen Vereinbarung zu, welche sie zu einer Zahlung von 1,2 Mio. Fr. Entschädigung verpflichtete. 

In der Zürcher Gesellschaft nicht integriert und als Ehebrecherin geächtet, bezog die junge Frau im Spätsommer 1890 ein Haus bei Genf. Nachdem sie ihr letztes Lebensziel – die Errichtung einer Kunststiftung – erreicht sah, beendete sie am 12. Dezember 1891, 33-jährig ihr Leben, indem sie in ihrer Villa den Gashahn öffnete.

Bereits im Januar desselben Jahres beendete ihr Geliebter, der Künstler durch Suizid sein Leben, auch er zerbrach an dieser unglücklichen Liebe. HIER↓ (klick) alles lesen


Eine traurige Geschichte, die auf diese Weise, wenigstens in unseren Breitengraden, kaum mehr passieren könnte. Weltweit sieht es jedoch anders aus, gerade vorgestern habe ich empört gelesen, dass eine junge Frau, die ihrer Liebe folgte, von ihrem Vater und ihren Brüdern gesteinigt wurde.


Die junge Frau in der erzählten Geschichte war Lydia Welti-Escher↓ 
Tochter des mächtigen Zürcher Politikers und Wirtschaftsführers Alfred Escher↓ und von seiner Frau Augusta. 

Lydia war damals eine der reichsten Frauen der Schweiz des 19. Jahrhunderts. Sie wurde 1858 geboren und wuchs im Belvoir auf, einem herrschaftlichen Anwesen in der Gemeinde Enge bei Zürich. Schon im Alter von sechs Jahren verlor Lydia ihre Mutter und wurde fortan von Groß-müttern und Erzieherinnen aufgezogen.

Lydia Escher als Kind vor der Villa (um 1860)
Heute beherbergt die Villa das Restaurant Belvoirpark,
das von der Hotelfachschule Belvoirpark betrieben wird.
Ja und dieses damalige herrschaftliche Anwesen ist heute „mein Lieblingspark“: Belvoir mit dem Irisgarten.

Lydia Welti-Escher vermachte ihr Millionenvermögen der Eidgenossen-schaft, dazu auch die Villa und der Park gehörten. Der Bundesrat sah vor, den Belvoirpark zu verkaufen. Als dies bekannt wurde, bildeten prominente Zürcher ein Initiativkomitee mit dem Ziel, den Park vor der drohenden Überbauung zu retten.

Da die Stadt Zürich nicht in der Lage war, das nötige Geld zum Kauf des Belvoirs aufzubringen, erging ein Aufruf an die Bevölkerung, Anteil-scheine zur Rettung des Parks zu kaufen. Innerhalb weniger Tage war die benötigte Summe zusammen.

Ab 1901 übernahm die Stadt Zürich die um einige Parzellen verkleinerte Gartenanlage. Als der ursprüngliche Park noch im Familienbesitz war, hatte er sogar direkten Zugang zum Zürichsee, ein riesiges Anwesen, bewundert und beneidet. 


Der Baumbestand des Belvoirparks geht teilweise noch auf die Familie Escher zurück. Der schlanke Mammutbaum, der zur Geburt von Alfred Eschers einziger Tochter Lydia gepflanzt wurde, erfreut sich auch rund 120 Jahre nach deren Tod bester Gesundheit und bleibt hoffentlich noch lange erhalten und erinnert an den gesellschaftlichen Skandal um Lydia Escher. 

Nächstes Mal in meinem Lieblingspark werde ich mir die Geschichte der jungen Frau ins Gedächtnis rufen und kurz das vergangene Geschehen in meinem Herzen auferstehen lassen.

Demut
ist die Erschütterung über die eigene Unzulänglichkeit.
Gelesen im Abreißkalender

Liebe Grüsse aus dem
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